Text: Gina Käding & Fotos: Christian Schaffrin

Das Studium der Wirtschaftsmathematik stellt man sich im Allgemeinen ja eher als mäßig spannend und irgendwie grau vor. Dass die farbenfrohe Sung Hea mit ihrer Vorliebe für geblümte Blusen und verzierte Teetässchen tatsächlichen sieben Semester lang zwischen Mathematiknerds und Formelfreaks gesessen haben soll –­­ fast unvorstellbar! Fand sie aber irgendwann auch.

„Das ganze Studium war so unglaublich weltfremd, ich habe da nie hineingefunden.“

Stattdessen tat sie, was man eben tun sollte, wenn der Kopf mal nicht weiter weiß: Auf das Herz hören. Sie brach also ihr Studium kurz vor dem Abschluss ab und widmete sich fortan dem Schneidern und Zeichnen im Rahmen des Studiums zur Modedesignerin.

Wenn Sung Hea eine Entscheidung trifft, dann ist sie konsequent. Das war schon damals so, als sie mit 16 Jahren ihr Heimatland Südkorea verließ und zu ihrer Tante nach Deutschland zog. Die Sprache lernte sie ganz fix und überhaupt, heimisch fühlte sie sich in Deutschland schnell. Nach Südkorea zurück? Na, vielleicht für die Rente, sagt sie augenzwinkernd. Trotzdem fliegt sie etwa alle zwei Jahre hin, um ihre Familie zu besuchen.

Nach dem Studium ging es für sie erstmal auf die Karriereleiter. Sie war im Designteam für das junge Label Review von Peek & Cloppenburg. So richtig glücklich war sie dort irgendwann aber nicht mehr und reichte im Februar 2014 die Kündigung ein. Wie es weiter gehen sollte? Die Antwort fand sie in ihren mit Taschen vollgestopften Regalen, ihrer riesigen Knopfsammlung und den berstenden Kleiderständern.

Ende 2014 launchte Sung Hea ihren Online Shop, den sie mit liebevoll aufbereiteten Fundstücken füllte. 

„Ich wollte einfach wieder mehr mit meinen Händen arbeiten, selber nähen und basteln“, erzählt sie. Während der Ausdruck „Irgendwas mit Medien“ mittlerweile zum Epitom der gesamten Generation Y geworden ist, stand für Sung Hea fest, dass es „Irgendwas mit Vintage“ sein sollte.

Gesagt, getan: Zunächst ging im Dezember 2014 ihr Shop La Maison 76 online, randvoll mit Vintage Kleidung, Wohnaccessoires, Herzstücken. Jedes einzelne Teil ist von Sung Hea liebevoll aufbereitet worden.

„Bei manchen Stücken muss man nicht viel machen, andere Dinge wiederum bekommen einen ganz neuen Zweck.“ Da wird der alte Pulli zur neuen Handtasche, ein Haufen alter Jeanshosen zu einem stylischen Wandvorhang - ihr technisches Know-How aus dem Designstudium hilft ihr sehr. Und in ihrem Fundus befinden sich mittlerweile Stücke aus aller Welt. Wo auch immer es sie hin verschlägt, von dort bringt sie etwas mit: unter anderem  London, Stockholm, New York und natürlich Korea.

Nachhaltigkeit und Upcycling sind wichtige Themen für die Gründerin von La Maison 76.

Ihr Label ist nicht nur ein echtes Herzensprojekt, Sung Hea will damit auch die Welt ein kleines Stückchen besser machen. „Nachhaltigkeit ist ein riesiges Thema für mich.“ Indem sie aus alten Stücken neue Schätze bastelt, verleiht sie ihnen ein längeres Leben. Sie wolle Menschen die Prozesse bewusst machen, die in der Modebranche leider heutzutage gang und gäbe sind. „Upcycling“ gegen „Fast Fashion“ sozusagen.

Am Ende kommt dabei ein einzigartiger Stil heraus. Vielleicht am besten zu beschreiben mit Tante Inge meets Fashion Week. Wer hätte gedacht, dass das so gut aussehen kann? Sung Hea selbst benutzt am liebsten den Zungenbrecher „Eklektizismus“. Heißt aber im Grunde dasselbe. Für sie sind vor allem Brüche spannend. Stilmixe.

Seit den Anfängen des Labels träumte Sung Hea von ihrem eigenen kleinen Laden im Belgischen Viertel - dass es letztendlich das Agnesviertel wurde, dürfte ihr allerdings nicht allzu viel ausmachen. Hier zog sie im September 2015 mitsamt einem riesigen Kleiderständer voller Vintage Kleidung und zahlreichen kleinen Taschen und Designs in den gemütlichen Laden von Hutmacherin Isabelle von Lanzenauer.

„Jetzt habe ich eine Partnerin, mit der ich mich austauschen kann. Wir unterstützen uns gegenseitig. Das gibt mir wahnsinnig viel Energie.“

Die beiden kennen sich noch aus Unizeiten und trafen sich auf den Cologne Fashion Days wieder. Erst freundeten sich die beiden an, irgendwann dann fragte Isa sie, ob sie nicht zu ihr in den Laden kommen wollte. „Es dauerte nicht lange, da war es entschieden.“

Für den MAKERS Shop entwickelt Sung Hea unter anderem kleine Etuis aus einer alten Lederjacke. Aufgrund ihres Schnitts war die Jacke leider nicht mehr tragbar war, deren Muster jedoch fand sie einfach toll und kreierte individuelle Taschen daraus - jede ein bisschen anders, jede ein Unikat. Auch die Taschen aus Tyvek, einem papierartigen Textil, begeistern Sung Hea. „Ich hab’s zufällig auf einem Stoffmarkt entdeckt. Und bei mir entstehen viele Ideen, wenn ich ein Material sehe.“

Tyvek ist ein außergewöhnliches Material, das Sung Hea auf einem Stoffmarkt für sich entdeckte. 

Man kann die Tasche zerknüllen, aber sie zerreißt nicht. Durch das lebende, knitternde Material entsteht so nach einer Weile ein ganz individuelles Stück.

Der Namen des Labels erzählt übrigens, wie für sie damals alles angefangen hat - in ihrer kleinen, türkis gestrichenen Werkstatt in der damaligen Wohnung von ihr und ihrem Ehemann im belgischen Viertel: im Haus mit der Nummer 76.

„Meine Designs sind sehr persönlich. Überhaupt, meine ganze Arbeit ist sehr nah an mir als Person dran. Und das möchte ich mit diesem Namen einfach ausdrücken.“


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